Anmerkungen zur Transkription:

Der Text stammt aus: Die neue Dichtung. Ein Almanach. Mit9 Bildbeigaben von Ludwig Meidner. Leipzig: Kurt Wolff 1918.S. 72–76.

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen.

Die Illustration wurde hinter den Text verschoben.

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Franz Kafka: Der Mord

Es ist erwiesen, daß der Mord auf folgende Weise erfolgte:

Schmar, der Mörder, stellte sich gegen neun Uhrabends in der mondklaren Nacht an jener Straßeneckeauf, wo Wese, das Opfer, aus der Gasse, in welcher seinBureau lag, in jene Gasse einbiegen mußte, in der er73wohnte. Kalte, jeden durchschauernde Nachtluft. AberSchmar hatte nur ein dünnes blaues Kleid angezogen,das Röckchen war überdies aufgeknöpft. Er fühlte keineKälte, auch war er immerfort in Bewegung. SeineMordwaffe, halb Bajonett, halb Küchenmesser, hielt erganz bloßgelegt immer fest im Griff. Betrachtete es gegendas Mondlicht; die Schneide blitzte auf; vielleicht nichtgenug für Schmar; er hieb mit ihr gegen die Backsteinedes Pflasters, daß es einen Funken gab; bereute esvielleicht; und um den Schaden gutzumachen, strich ermit der Schneide violinbogenartig über seine Stiefelsohle,während er, auf einem Bein stehend, vorgebeugt,gleichzeitig dem Klang des Messers an seinem Stiefel,gleichzeitig in die schicksalsvolle Seitengasse lauschte.Warum duldete das alles der Private Pallas, der inder Nähe aus seinem Fenster im zweiten Stockwerk dasalles beobachtete? Ergründe die Menschennatur! Mithochgeschlagenem Kragen, den Schlafrock um den weitenLeib gegürtet, kopfschüttelnd blickte er hinab. Und fünfHäuser weiter, ihm schräg gegenüber, sah Frau Wese,den Fuchspelz über ihrem Nachthemd, nach ihremManne aus, der heute ungewöhnlich lange zögerte. Endlichertönt die Türglocke vor Weses Bureau, zu laut füreine Türglocke, über die Stadt hin zum Himmel auf,und Wese, der fleißige Nachtarbeiter, tritt, in dieser Gassenoch unsichtbar, nur durch das Glockenzeichen angekündigt,aus dem Haus; gleich zählt das Pflaster seine ruhigenSchritte. Pallas beugt sich weit hervor, er darfnichts versäumen; Frau Wese schließt, beruhigt durch74die Glocke, klirrend das Fenster. Schmar aber kniet nieder;da er augenblicklich keine anderen Blößen hat,drückt er nur Gesicht und Hände gegen die Steine: woalles friert, glüht Schmar. Gerade an der Grenze,welche die Gassen scheidet, bleibt Wese stehn, nur mit demStock stützt er sich in die jenseitige Gasse. Eine Laune.Der Nachthimmel hat ihn angelockt, das Dunkelblaueund das Goldene. Unwissend blickt er es an, unwissendstreicht er das Haar unter dem gelüpften Hut; nichtsrückt dort oben zu Buchstaben zusammen, um ihm dieallernächste Zukunft anzuzeigen; alles bleibt an seinemunsinnigen, unerforschlichen Platz. An und für sich sehrvernünftig, daß Wese weitergeht, aber er geht ins Messerdes Schmar. »Wese!« schreit Schmar, auf den Fußspitzenstehend, den Arm aufgereckt, das Messer mit derSpitze scharf gesenkt: »Wese! Vergebens wartet Julia!«Und rechts in den Hals und links in den Hals unddrittens tief in den Bauch sticht Schmar. Wasserratten,aufgeschlitzt, geben einen ähnlichen Laut von sich wieWese. »Getan,« sagt Schmar und wirft das Messer, denüberflüssigen, blutigen Ballast, gegen die nächste Hausfront.»Seligkeit des Mordes; Erleichterung, Beflügelungdurch das Fließen des fremden Blutes! Wese,alter Nachtschatten, Freund, Bierbankgenosse, versickerstim dunklen Straßengrund. Warum bist du nicht einfacheine mit Blut gefüllte Blase, daß ich mich auf dich setzteund du verschwändest ganz und gar? Nicht alles wirderfüllt, nicht alle Blütenträume reiften, dein

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