This etext was prepared by Michael Pullen,
globaltraveler5565@yahoo.com.
Wilhelm Meisters Lehrjahre—Buch 6
Johann Wolfgang von Goethe
Sechstes Buch
Bekenntnisse einer schönen Seele
Bis in mein achtes Jahr war ich ein ganz gesundes Kind, weiß mich abervon dieser Zeit so wenig zu erinnern als von dem Tage meiner Geburt.Mit dem Anfange des achten Jahres bekam ich einen Blutsturz, und indem Augenblick war meine Seele ganz Empfindung und Gedächtnis. Diekleinsten Umstände dieses Zufalls stehn mir noch vor Augen, als hätteer sich gestern ereignet.
Während des neunmonatlichen Krankenlagers, das ich mit Geduld aushielt,ward, so wie mich dünkt, der Grund zu meiner ganzen Denkart gelegt,indem meinem Geiste die ersten Hülfsmittel gereicht wurden, sich nachseiner eigenen Art zu entwickeln.
Ich litt und liebte, das war die eigentliche Gestalt meines Herzens.In dem heftigsten Husten und abmattenden Fieber war ich stille wieeine Schnecke, die sich in ihr Haus zieht; sobald ich ein wenig Lufthatte, wollte ich etwas Angenehmes fühlen, und da mir aller übrigeGenuß versagt war, suchte ich mich durch Augen und Ohren schadlos zuhalten. Man brachte mir Puppenwerk und Bilderbücher, und wer Sitz anmeinem Bette haben wollte, mußte mir etwas erzählen.
Von meiner Mutter hörte ich die biblischen Geschichten gern an; derVater unterhielt mich mit Gegenständen der Natur. Er besaß einartiges Kabinett. Davon brachte er gelegentlich eine Schublade nachder andern herunter, zeigte mir die Dinge und erklärte sie mir nachder Wahrheit. Getrocknete Pflanzen und Insekten und manche Arten vonanatomischen Präparaten, Menschenhaut, Knochen, Mumien und dergleichenkamen auf das Krankenbette der Kleinen; Vögel und Tiere, die er aufder Jagd erlegte, wurden mir vorgezeigt, ehe sie nach der Küche gingen;und damit doch auch der Fürst der Welt eine Stimme in dieserVersammlung behielte, erzählte mir die Tante Liebesgeschichten undFeenmärchen. Alles ward angenommen, und alles faßte Wurzel. Ichhatte Stunden, in denen ich mich lebhaft mit dem unsichtbaren Wesenunterhielt; ich weiß noch einige Verse, die ich der Mutter damals indie Feder diktierte.
Oft erzählte ich dem Vater wieder, was ich von ihm gelernt hatte. Ichnahm nicht leicht eine Arzenei, ohne zu fragen: "Wo wachsen die Dinge,aus denen sie gemacht ist? wie sehen sie aus? wie heißen sie?" Aberdie Erzählungen meiner Tante waren auch nicht auf einen Stein gefallen.Ich dachte mich in schöne Kleider und begegnete den allerliebstenPrinzen, die nicht ruhen noch rasten konnten, bis sie wußten, wer dieunbekannte Schöne war. Ein ähnliches Abenteuer mit einem reizendenkleinen Engel, der in weißem Gewand und goldnen Flügeln sich sehr ummich bemühte, setzte ich so lange fort, daß meine Einbildungskraftsein Bild fast bis zur Erscheinung erhöhte.
Nach Jahresfrist war ich ziemlich wiederhergestellt; aber es war miraus der Kindheit nichts Wildes übriggeblieben. Ich konnte nichteinmal mit Puppen spielen, ich verlangte nach Wesen, die meine Liebeerwiderten. Hunde, Katzen und Vögel, dergleichen mein Vater von allenArten ernährte, vergnügten mich sehr; aber was hätte ich nicht gegeben,ein Geschöpf zu besitzen, das in einem der Märchen meiner Tante einesehr wichtige Rolle spielte. Es war ein Schäfchen, das von einemBauermädchen in dem Walde aufgefangen und ernährt worden war, aber indiesem artigen Tiere stak ein verwünschter Prinz, der sich endlichwieder als schöner Jüngling zeigte und seine Wohltäterin durch seineHand belohnte. So ein Schäfchen hätte ich gar zu gerne besessen!
Nun wol