This etext was prepared by Michael Pullen,
globaltraveler5565@yahoo.com.
Wilhelm Meisters Lehrjahre—Buch 7
Johann Wolfgang von Goethe
Siebentes Buch
Erstes Kapitel
Der Frühling war in seiner völligen Herrlichkeit erschienen; einfrühzeitiges Gewitter, das den ganzen Tag gedrohet hatte, gingstürmisch an den Bergen nieder, der Regen zog nach dem Lande, dieSonne trat wieder in ihrem Glanze hervor, und auf dem grauen Grundeerschien der herrliche Bogen. Wilhelm ritt ihm entgegen und sah ihnmit Wehmut an. "Ach!" sagte er zu sich selbst, "erscheinen uns denneben die schönsten Farben des Lebens nur auf dunklem Grunde? Undmüssen Tropfen fallen, wenn wir entzückt werden sollen? Ein heitererTag ist wie ein grauer, wenn wir ihn ungerührt ansehen, und was kannuns rühren als die stille Hoffnung, daß die angeborne Neigung unsersHerzens nicht ohne Gegenstand bleiben werde? Uns rührt die Erzählungjeder guten Tat, uns rührt das Anschauen jedes harmonischenGegenstandes; wir fühlen dabei, daß wir nicht ganz in der Fremde sind,wir wähnen einer Heimat näher zu sein, nach der unser Bestes,Innerstes ungeduldig hinstrebt."
Inzwischen hatte ihn ein Fußgänger eingeholt, der sich zu ihm gesellte,mit starkem Schritte neben dem Pferde blieb und nach einigengleichgültigen Reden zu dem Reiter sagte: "Wenn ich mich nicht irre,so muß ich Sie irgendwo schon gesehen haben."
"Ich erinnere mich Ihrer auch", versetzte Wilhelm; "haben wir nichtzusammen eine lustige Wasserfahrt gemacht?"—"Ganz recht!" erwiderteder andere.
Wilhelm betrachtete ihn genauer und sagte nach einigem Stillschweigen:"Ich weiß nicht, was für eine Veränderung mit Ihnen vorgegangen seinmag; damals hielt ich Sie für einen lutherischen Landgeistlichen, undjetzt sehen Sie mir eher einem katholischen ähnlich."
"Heute betriegen Sie sich wenigstens nicht", sagte der andere, indemer den Hut abnahm und die Tonsur sehen ließ. "Wo ist denn IhreGesellschaft hingekommen? Sind Sie noch lange bei ihr geblieben?"
"Länger als billig: denn leider wenn ich an jene Zeit zurückdenke, dieich mit ihr zugebracht habe, so glaube ich in ein unendliches Leere zusehen; es ist mir nichts davon übriggeblieben."
"Darin irren Sie sich; alles, was uns begegnet, läßt Spuren zurück,alles trägt unmerklich zu unserer Bildung bei; doch es ist gefährlich,sich davon Rechenschaft geben zu wollen. Wir werden dabei entwederstolz und lässig oder niedergeschlagen und kleinmütig, und eins istfür die Folge so hinderlich als das andere. Das Sicherste bleibtimmer, nur das Nächste zu tun, was vor uns liegt, und das ist jetzt",fuhr er mit einem Lächeln fort, "daß wir eilen, ins Quartier zu kommen."
Wilhelm fragte, wie weit noch der Weg nach Lotharios Gut sei, derandere versetzte, daß es hinter dem Berge liege. "Vielleicht treffeich Sie dort an", fuhr er fort, "ich habe nur in der Nachbarschaftnoch etwas zu besorgen. Leben Sie solange wohl!" Und mit diesenWorten ging er einen steilen Pfad, der schneller über den Berghinüberzuführen schien.
"Ja wohl hat er recht!" sagte Wilhelm vor sich, indem er weiterritt."An das Nächste soll man denken, und für mich ist wohl jetzt nichtsNäheres als der traurige Auftrag, den ich ausrichten soll. Laß sehen,ob ich die Rede noch ganz im Gedächtnis habe, die den grausamen Freundbeschämen soll."
Er fing darauf an, sich dieses Kunstwerk vorzusagen; es fehlte ihmauch nicht eine Silbe, und je mehr ihm sein Gedächtnis zustatten kam,desto mehr wuchs seine Leidenschaft und sein Mut. Aureliens Leiden