This etext was prepared by Michael Pullen,

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Die Geschwister
(1776)
Ein Schauspiel in einem Akt
Johann Wolfgang Goethe

Personen:
Wilhelm, ein Kaufmann
Marianne, seine Schwester
Fabrice
Briefträger

WILHELM (an einem Pult mit Handelsbüchern und Papieren). DieseWoche wieder zwei neue Kunden! Wenn man sich rührt, gibt's dochimmer etwas; sollt' es auch nur wenig sein, am Ende summiert sich'sdoch, und wer klein Spiel spielt, hat immer Freude, auch am kleinenGewinn, und der kleine Verlust ist zu verschmerzen. Was gibt's?

(Briefträger kommt.)

BRIEFTRäGER. Einen beschwerten Brief, zwanzig Dukaten, franko halb.

WILHELM. Gut! sehr gut! Notier Er mir's zum übrigen.

(Briefträger ab.)

WILHELM (den Brief ansehend). Ich wollte mir heute den ganzen Tagnicht sagen, daß ich sie erwartete. Nun kann ich Fabricen geradebezahlen und mißbrauche seine Gutheit nicht weiter. Gestern sagte ermir: Morgen komm' ich zu dir! Es war mir nicht recht. Ich wußte,daß er mich nicht mahnen würde, und so mahnt mich seine Gegenwartjust doppelt. (Indem der die Schatulle aufmacht und zählt). Invorigen Zeiten, wo ich ein bißchen bunter wirtschaftete, konnt' ichdie stillen Gläubiger am wenigsten leiden. Gegen einen, der michüberläuft, belagert, gegen den gilt Unverschämtheit und alles, wasdran hängt; der andere, der schweigt, geht gerade ans Herz undfordert am dringendsten, da er mir sein Anliegen überläßt. (Er legtGeld zusammen auf den Tisch.) Lieber Gott, wie dank' ich dir, daß ichaus der Wirtschaft heraus und wieder geborgen bin! (Er hebt ein Buchauf.) Deinen Segen im kleinen! mir, der ich deine Gaben im großenverschleuderte.—Und so—Kann ich's ausdrücken?—Doch du tust nichtsfür mich, wie ich nichts für mich tue. Wenn das holde liebe Geschöpfnicht wäre, säß' ich hier und verglich' Brüche?—O Marianne! wenn duwüßtest, daß der, den du für deinen Bruder hältst, daß der mit ganzanderm Herzen, ganz andern Hoffnungen für dich arbeitet!—Vielleicht!—ach!—es ist doch bitter—Sie liebt mich—ja, als Bruder—Nein,pfui! das ist wieder Unglaube, und der hat nie was Gutes gestiftet.—Marianne! ich werde glücklich sein, du wirst's sein, Marianne!

(Marianne kommt.)

MARIANNE. Was willst du, Bruder? Du riefst mich.

WILHELM. Ich nicht, Marianne.

MARIANNE. Stiert dich der Mutwille, daß du mich aus der Küchehereinvexierst?

WILHELM. Du siehst Geister.

MARIANNE. Sonst wohl. Nur deine Stimme kenn' ich zu gut, Wilhelm!

WILHELM. Nun, was machst du draußen?

MARIANNE. Ich habe nur ein paar Tauben gerupft, weil doch wohl
Fabrice heut abend mitessen wird.

WILHELM. Vielleicht.

MARIANNE. Sie sind bald fertig, du darfst es nachher nur sagen. Ermuß mich auch sein neues Liedchen lehren.

WILHELM. Du lernst wohl gern was von ihm?

MARIANNE. Liedchen kann er recht hübsch. Und wenn du hernach beiTische sitzest und den Kopf hängst, da fang' ich gleich an. Denn ichweiß doch, daß du lachst, wenn ich ein Liedchen anfange, das dir liebist.

WILHELM. Hast du mir's abgemerkt?

MARIANNE. Ja, wer euch Mannsleuten auch nichts abmerkte!—Wenn dusonst nichts hast, so geh' ich wieder; denn ich habe noch allerlei zutun. Adieu.—Nun gib mir noch einen Kuß.

...

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